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Prof.
Wolf-Dieter Narr
Berlin,
den 26.11.2005
Rede
auf Thomas Saschenbrecker,
der heute den zum zweiten Mal vergebenen Freiheitspreis der Irren-Offensive
für Subversive Rechtskunde erhält.
Und
wie sich versteht, wird diese Rede von einem wahrhaften Narren gehalten,
der sich an das Motto als regulatives Prinzip hält:
"Kinder und Narren sagen die Wahrheit!"
Das
ist, zum ersten das faszinierend Schwierige und schwierig Faszinierende
Mit den konkret allgemeinen und vor allem allgemein konkreten Menschenrechten
der Universalität des Besonderen, jedes Menschen als eines abweichenden
Falls,
Dass sie nicht zerschnibbelt, gewibbelt, noch punktuell gehalten werden
können.
Dass, das eine des anderen stützende Substanz und substantielle
Kontrolle ist:
Wer Freiheit will, indes Gleichheit nicht, der ist als Neutrum keines
Menschenrechtes Gast.
Wer Freiheit nur mit dem Zwang erreicht, und sei er fürsorgebesoffen
übervoll, der hat des anderen Kreuz gebrochen, allein mit dem Diplom
sich selbst noch schließenden Gefängniswärters gewaltgeeicht.
Das
ist, zum zweitem, das bedrohlich Schützende staatlich fest gesatzten
Rechts, das erst zum Rechtstaat wird, indem ihm überall Gewalt
in notfalls physischer Gewalt zugrunde liegt und wirksam wird im Zwangsgriff
todesdrohend auf den Menschen, staatsgemäß normal nicht voll
frisiert, Dass dieses Zehnbuchstabenwort - "Rechtstaat" -
und seine Walter so tun, als läsen täglich sie kathol´sche
Staatenmesse: Gewalt wird transsubstantiiert:
Als sei sie Recht und Gerechtigkeit noch dazuhin. Arglist´ge Herrschaftstäuschung.
Das
ist, zum dritten, der fortgesetzte Trick, genannt Verrechtlichung menschlichen
Daseins, als würde Zwang ins Rechte transformiert und paragraphenviel
so präzise soßisiert (saucisiert), dass Menschenrechte sind,
und ganz rechtsicher für Bürgerin und männliches Pendant.
Als rännen rechtsvertäuend noch und noch des Bürgers
Freiheitsräume zusammen einen Syndrome gleich: Gerechtigkeit im
Hilfsersatz, die jenseits alte anarchist´scher´ Lehr, die
gegenseitige Hilfe vom ich zum du kontrollenfrei lebte,sich in die Sicherheit
ergießt, festgemauert im bürokratisch-medizinisch-polizeilichen
Komplex.
So
ist die edle Praxiswelt der Menschenrechte voll des argen Goodspeak,
die schlimme Praxis der Entmündigung im Unterholz. Und nahezu niemand
ist firm, ihr zu entrinnen. Das lange Ende bürgerlicher Freiheitssicherung
in freier Praxis abweichender Personen im cordon sanitaire verdichteter
Sicherheitsagenturen, ob staatlich, of privat gleichviel. *
Das
ist der Hintergrund, vor dem die Leistung Thomas Saschenbreckers ihr
Profil gewinnt.
Als hätte der Gesetzgeber des Bundes, nichts mehr zu regeln. Als
vergäßen die Abgeordneten, nur ihrem gewissenhaften Positionserhalt
verantwortlich, kaum ihrer Erinnerung und ihrer schweren Aufgabe, Grundrechte
zu kennen und die Probleme auszuloten, in die sie mit rechtlichen Leitern
steigen wollen, was sie selbst oder ihre Vorgänger im gleichen
oder verbundenen Gebiet geregelt haben. Aber es ist auch verdammt und
verwirrend schwer, den Überblick zu behalten. Als träfe Gleiches
auf die Länder zu und ihre armen, überforderten Parlamente.
Also
ging der Bundestag, dahinter wie sich versteht, das Bundesministerium
für Justiz und alle möglichen interessenüberbürdeten
Lobbygruppen am Anfang des neuen Saeculums und 3. Jahrtausends fortgeschrittener
Zivilisation darauf aus, und folgte wenig später von den Ländern
vorneweg das große Land der Bremer, das schlimme Rechtsloch ambulanter
Zwangsmedikation sogenannt geistig Kranker zu stopfen. Im Bund mit Hilfe
eines Zusatzparagraphen zum § 1906 als § 1906a BGB. Der Bundestag
und seiner hintersassigen Interessenten taten es rechtsvergessen bis
zum einschlägigen BGB, sie hatten das treffliche Urteil des BGH
vom 11.10.2000 schon wieder ausgelöscht. Die Bremer folgten 2004/2005,
nachdem sie 2002 Zwangsregelungen im ambulanten Bereich noch und zurecht
als kropfunnötig und grundrechtswidrig erkannt hatten. Ein Fall,
eine mediale Platzpatrone. Und schon waren Parlament und Regierung gewendet.
So schnell geht das.
Hat
man die Vorhaben verfolgt, liest man vor allem Thomas Saschenbreckers
ungewöhnlich dicht argumentierende, alle Rechtstaubecken ausleuchtende
und aussäubernde Gutachten in Jahresfolge 2004 und 2005, dann werden
die Beweggründe offenbar die zu den Vorhaben neuer Zwangsgesetze
führten. Dann wird einsichtig, warum wichtig es war und bleibt,
auf gesetzliche Vorhaben dieser Art sogleich zu reagieren und rufkräftige
Wachsamkeit zur ersten bürgerlichen Tugend zu erheben. Dann wird
glücklicherweise auch einsichtig, warum es nicht zuletzt aufgrund
von Thomas Saschenbreckers anwaltlicher Tätigkeit und seiner geradezu
lückenlos grundrechtlich fundierten Rechtsargumentation gelungen
ist, diesen Anschlag der Zwangsvorstellungen zu stoppen. Darin ist auch
ein kleiner Funken Hoffnung verborgen. Dass es immer noch genügend
Abgeordnete andere Berufspolitiker und Richterinnen/Richter gibt, die
die Grundrechte nicht vergebens gelesen haben.
Die
Beweggründe der Zwangsgesetzebetreiber waren und sie bleiben verborgen
offen weiter, selbst wenn sie jetzt, glücklicherweise nicht durchdrangen:
- Angst, wie in allen Fällen des starken Abweichens, im Zusammenhang
sogenannt psychiatrischer Fälle im besonderen, Angst, sage ich
vor sich selbst. Das macht die Besonderheit von Geschichte und Gegenwart
der Psychiatrie aus, in deren Umkreis nicht zufällig der Gedanke
des Panoptikums und totaler Institutionen entstanden ist und bis heute
betrieben wird. Darum ist übrigens all das, was rund um die Psychiatrie
kreist menschenrechtlich so symptomatisch abgründig und signifikant.
- Politische Panik, wenn medial inszenierte Paniken klimakatastrophengleich
Berlin oder Bremen unter Wasser setzen. Das zeigt, wie tief die Staustufe
institutionalisierter politischer Vernunft liegt. Die Flutkatastrophen
ereignen sich im Nu;
- Standesspezifische und selbstredend materielle Interessen all derjenigen
die spitzenberuflich im Gesundheitssystem und der Psychiatrie zumal
tätig sind und meist gutes Geld verdienen.
- Der große und immer größer werdende Komplex der allseits
vorweg Staat und gesellschaftliche Normalität, nicht zuletzt ihre
kapitalistischen Spitzeninteressen sichernden Prävention mit ihrer
proaktiven Zuspitzung.
- Mit dieser Kehre zur Prävention, die in alle Fugen der Gesellschaft
dringt, die Innen- und Außenpolitik, insbesondere in der "Fremdenverfolgung",
aber auch der Verfolgung von uns allen als "Schläfern"
mehr als zuvor zusammenkoppelt, geht eine doppelte Verschlimmböserung
allen Rechts und damit auch aller exekutiven Praxis einher. Zum einen:
Grundrechte werden mehr als zuvor zu Einstiegsrechten staatlicher und
privater Sicherung. Nach dem Motto: um deine Freiheit zu sichern, muss
ich sie aufheben. Zum anderen: aus möglichst rechtlich genau formulierten
Regeln, die bürgerlicher Freiheit und Sicherheit dienen, werden
kleine und umfänglichere bürokratische Ermächtigungsgesetze.
Das Opportunitätsprinzip wird zur Legalformel. Das zeigen nicht
nur die hier kritisch aufgespießten Vorschläge der ambulanten
Zwangsmedikation.
Saschenbreckers
Leistung bestand und besteht unter anderem darin:
- als trefflicher Rechtskundiger die Widersprüche des Gesetzgebers
herausgearbeitet zu haben, die Selbstverwirrung desselben - aber nicht
auf eigene, auf Kosten derjenigen, die ambulant zwangsbehandelt werden
sollten bzw. zuvor, vor dem BGH-Spruch von 2000 schon zwangsbehandelt
worden sind;
- präzise herauszuarbeiten, wie Grundrechte mit öffentlichen
Hilfs- und Sicherheitsformeln durchgehend im Goodspeak ausgehebelt werden.
Hierbei ist Saschenbreckers Grundrechtsverständnis ohne Fehl und
Tadel, ja er begeistert geradezu erneut, Grundrechte wahr- und ernst
zu nehmen: das Grundrecht der Selbstbestimmung, die Voraussetzung und
das Ende aller Freiheit. Und das Grundrecht auf Integrität der
Person, auf ihre Unverletzlichkeit. Versteht man diese beiden recht,
dann folgen allen anderen schier wie von selbst;
- witzig, wie man im 18. Jahrhundert formuliert hätte, aufzuweisen,
wie die Gesetzgeber sich in Widersprüche verheddern und ihre eigenen,
gestern verabschiedeten Normen schon wieder vergessen haben;
- all diese und andere Qualitäten der Saschenreckerschen Einlassungen,
die ich, hätte ich mehr Zeit, gerne schilderte, weil wir alle daraus
lernen könnten, haben zur Folge: das die Argumente der Zwangsvollstrecker
des Rechts zerfallen wie schimmlige Pilze. Solche schimmligen Pilze
darf man noch nicht zum Recht erheben. Was aber, wenn nicht Leute wie
Saschenbrecker da wären und zeigten, wie das rechtliche Rumpelstilzchen
wahrhaft heißt?
- Der Jurist Saschenbrecker, der uns entgegentritt ist darum so hervorragend,
weil er mehr ist als ein Jurist. Er weiß, worauf schon Lichtenberg
aufmerksam machte: wer nur Chemie versteht, versteht auch die nicht
recht; wer rechtserfahren aber phantasievoll sieht, wie sich Unrecht
ins Recht stiehlt, wie Recht materiell und formell entrechtlicht wir,
der kann die Gefahr von Willkürakten gegen Menschen in glänzenden
rechtlichen Gamaschen klar, deutlich und überzeugend erkennen.
Warum
aber verteilen wir heute Abend, mit mir nicht als Preis-, wohl aber
als Mundschenk einen Preis, auch wenn der Preis konstruktiver Subversion
gilt?
Dieser Preis ist kein Teil eines Macht- und Reputationsmanagements.
Er dient der Anerkennung einer raren Leistung im Abseits, uns allen
zum Ansporn, nicht abzulassen, uns zu wehren, mitten in dieser Gesellschaft,
mit ihren rechtlichen Mitteln, aber mit einer menschenrechtlichen Substanz
und Politik, die weit darüber hinausragt.
Der
Preis gilt Thomas Saschenbrecker im Namen all der medizinisch-psychiatrischen
Gutachter und Therapeuten, weil er sie vor der argen Hybris ihrer indezenten
Selbstüberschätzung und ihrem antitherapeutischer Zugriff
nach polizeilichen Zwangsmitteln bewahrt.
Der
Preis gilt Thomas Saschenbrecker im Namen all der Gesetzgeber, weil
er sie vor den Folgen ihrer Panik rettet und ihren eigen Kenntnismangel
in Sachen Recht, Grundrechte an erste Stelle rückt.
Der
Preis winkt Thomas Saschenbrecker dafür, dass er um den Kern alles
Rechts: die Grundrechte als aktive Rechte der Bürgerinnen und Bürger
auch ohne Papiere weiß. Darum schützt er sogar die Exekutive
vor sich selbst, vor ihren eigenen Zwangstorheiten.
Der
Preis ehrt Thomas Saschenbrecker als einen Verfassungsschützer,
wenn es denn einen gibt. Grundrechtsfundiert, mit öffentlichen
Informationen, öffentlichen Argumenten für die Freiheit der
Bürgerinnen und Bürger.
Die
Liste all derer, die Thomas Saschenbreckersche Leistungen loben und
preisen müssten, ist länger, als Leistungen, die für
sie getan sind. Diejenigen sollen ihm am Ende aber zuerst den Preis
überreichen, für deren Freiheit, auch und gerade, ihre Gesundheit
selbst zu bestimmen, er sich am meisten verdient gemacht hat. Und also
sind wir ihm alle dankbar. In Zeiten der Entwicklung hin zur prädiktiven
Medizin, in Zeiten, da an Stelle der ohnehin als Bürgerin nicht
beachteten Patientin, eine elektronische Gesundheitskarte tritt, "gesund"
für einen riesigen Gesundheitssicherungskomplex, in solchen Zeiten
ist das was Thomas Saschenbrecker gegen psychiatrischen Zwang geleistet
hat, wider den Zwang zur Gesundheit, forced to be healthy and free,
nicht zu überschätzen. Eine Breche, die es zu halten, zu verteidigen,
zu weiten gilt.
Bevor
ich nun endlich den Preis übergebe, ein Symbol in den herrschenden
Werten bescheidener Art und doch imaginativ kaum zu ergründen,
muss ich und will ich einen letzten Preisanlass nennen, dessen ich erst
spät inne geworden bin.
Thomas
Saschenbrecker ist, wie mir Rene Talbot entdeckte, am 8.12.1965 in Lübeck
geboren. Ich habe also die außerordentliche Freude, Thomas Saschenbrecker
einige Tage zu früh für sein Übergleiten ins Schwabenalter
zu gratulieren. Im Schwabenland, das weiß er vielleicht zwischenzeitlich,
obwohl er auf der Badenser Seite lebt, im Schwabenland wird man erst
mit 40ig Jahren richtig gescheit. Thomas Saschenbrecker, das zeigen
seine Rechtstaten der letzten Jahre war unüblich schon vorher ziemlich
gescheit. Der Sprung zum noch Gescheiteren soll ihn aber nicht, was
möglicherweise die bürgerlichen Schwaben damit verbanden,
brav im festen Wams seines Berufes politisch durchgehend korrekt werden
lassen. Im Gegenteil: ich heiße ihn im Klub derjenigen besonders
willkommen, die ob der herrschaftlichen Dummheiten ihren Humor nicht
und nie verlieren, die am Ende all den gewalttätigen Herrschaftsblödsinn
weglachen.
Dass
der "Dadaismus und postmoderne Existentialismus" "zu
ihrem Ziel gekommen" seinen, wie Thomas Saschenbrecker und Rene
Talbot in einem hoffentlich geradezu massenwirksamen Ratschlagspapier
zur "Vorsorgevollmacht" schreiben, mag man füglich bezweifeln.
Ohne ein kräftiges anarchistisches und lachenvolltolles Element
inmitten unseres nie bierigen Ernstes, werden wir diese Zeiten der immer
weiter ausgepackten Albträume der Vernunft kaum überstehen.
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